Der unter dem Titel Amiele bekannte, fragmentarisch gebliebene Roman entfaltet Stendhals typische Kunst der psychologischen Entlarvung: Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, deren Bildung, Begehren und gesellschaftliche Anpassung an den moralischen Fassaden der Provinz und der Pariser Welt erprobt werden. In knapper, beweglicher Prosa verbindet Stendhal ironische Gesellschaftssatire mit analytischer Charakterzeichnung. Das Werk steht im Kontext des nachnapoleonischen Frankreichs, zwischen Restaurationskritik, Frührealismus und der romantischen Frage nach individueller Freiheit. Stendhal, eigentlich Henri Beyle, brachte in dieses Buch seine Erfahrungen als Beamter, Reisender, Liebender und scharfer Beobachter sozialer Maskenspiele ein. Die Erinnerung an Napoleon, die italienische Leidenschaftskultur und die Ernüchterung gegenüber bürgerlicher Moral prägen sein Schreiben. Wie in seinen großen Romanen interessiert ihn weniger das Ereignis als die innere Bewegung: Ehrgeiz, Selbsttäuschung, Glückssuche und die Reibung zwischen Temperament und Gesellschaft. Amiele empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die Stendhals moderne Klarsicht in einer offeneren, experimentellen Form entdecken möchten. Gerade das Fragmentarische verleiht dem Text besondere Spannung: Es zeigt einen Autor bei der Arbeit, radikal, geistreich und erstaunlich gegenwärtig.
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