Hermann Heibergs "Charaktere und Schicksale" versammelt erzählerische Studien, in denen individuelle Lebensläufe als Prüfsteine gesellschaftlicher und moralischer Ordnungen erscheinen. Der Titel benennt bereits das poetische Programm: Nicht das sensationelle Ereignis steht im Mittelpunkt, sondern die Wechselwirkung von Temperament, Milieu, Entscheidung und Zufall. In einem realistisch geschulten, psychologisch aufmerksamen Stil zeichnet Heiberg Figuren, deren innere Widersprüche sich an den Zumutungen bürgerlicher Existenz, an Liebe, Ehrgeiz, Pflichtgefühl und sozialer Erwartung entzünden. Hermann Heiberg, ein Autor des späten 19. Jahrhunderts, gehört in den weiteren Zusammenhang des deutschsprachigen Realismus und Naturalismus, ohne sich gänzlich auf eine Schule festlegen zu lassen. Seine literarische Aufmerksamkeit gilt weniger großen historischen Tableaus als den feinen Spannungen des Alltags. Biographische Erfahrung, genaue Beobachtung zeitgenössischer Lebensformen und ein ausgeprägtes Interesse an psychologischer Motivierung dürften seine Darstellung jener Menschen geprägt haben, deren Schicksal nicht abstrakt verhängt, sondern aus Charakter, Umständen und gesellschaftlicher Lage hervorgeht. Empfohlen sei dieses Buch Leserinnen und Lesern, die an erzählender Prosa interessiert sind, welche moralische Fragen ohne vordergründige Belehrung entfaltet. "Charaktere und Schicksale" bietet einen aufschlussreichen Zugang zu den literarischen Menschenbildern seiner Epoche und überzeugt durch genaue Figurenzeichnung, ruhige Komposition und die ernsthafte Frage, wie ein Leben seine Form gewinnt.
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