Das Stunden-Buch versammelt drei zwischen 1899 und 1903 entstandene Zyklen: Vom mönchischen Leben, Von der Pilgerschaft sowie Von der Armut und vom Tode. In der fingierten Stimme eines russischen Mönchs entfaltet Rilke eine moderne Gebetspoesie, die weniger kirchliche Dogmatik als innere Gotteserfahrung sucht. Sein musikalischer, bildmächtiger Vers verbindet symbolistische Verdichtung mit mystischer Tradition und steht im Übergang von fin-de-siècle-Empfindsamkeit zu einer neuen, existenziell geschärften Moderne. Rainer Maria Rilke, 1875 in Prag geboren, wurde durch Reisen, Begegnungen und geistige Suchbewegungen geprägt. Besonders seine Russlandreisen mit Lou Andreas-Salomé vertieften seine Vorstellung einer religiös durchdrungenen Volksfrömmigkeit und einer Kunst, die aus Sammlung, Armut und Hingabe entsteht. Die Figur des betenden Mönchs erlaubt ihm, eigene Fragen nach Berufung, Einsamkeit, Schöpfungskraft und Tod in eine überpersönliche, liturgisch anmutende Form zu übertragen. Empfohlen sei dieses Buch allen Leserinnen und Lesern, die Lyrik nicht bloß als ornamentale Sprache, sondern als Erkenntnisform verstehen. Das Stunden-Buch verlangt Langsamkeit und Wiederlektüre; dafür schenkt es Verse von großer rhythmischer Suggestion und spiritueller Unruhe. Wer Rilkes spätere Werke begreifen möchte, findet hier einen entscheidenden Ursprung seiner poetischen Theologie.
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