In "Der Fall Deruga" verbindet Ricarda Huch die Form des Kriminalromans mit der analytischen Schärfe des Gerichts- und Gesellschaftsromans. Im Zentrum steht der italienische Arzt Deruga, der beschuldigt wird, seine geschiedene Frau vergiftet zu haben. Die Handlung entfaltet sich weniger als bloße Suche nach dem Täter denn als Untersuchung von Wahrheit, Charakter und sozialem Urteil. Huchs Stil ist präzise, psychologisch nuanciert und von jener historischen Sensibilität getragen, die auch ihre großen kulturgeschichtlichen Werke auszeichnet. Ricarda Huch, Dichterin, Historikerin und eine der bedeutenden Intellektuellen ihrer Zeit, war mit den moralischen und politischen Spannungen des frühen 20. Jahrhunderts vertraut. Ihr Interesse an geschichtlichen Umbrüchen, an starken Persönlichkeiten und an der Frage individueller Verantwortung prägt auch diesen Roman. Deruga erscheint nicht nur als Angeklagter, sondern als Figur, an der sich bürgerliche Vorurteile, Geschlechterbilder und medizinisch-juristische Autorität brechen. Empfohlen sei dieses Buch Lesern, die im Kriminalroman mehr suchen als Spannung: eine kluge Studie über Beweis, Schuld und menschliche Undurchschaubarkeit. Huch zeigt, wie Literatur das Gericht zum Schauplatz existenzieller Erkenntnis machen kann.
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