Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen versammelt Prosastücke, in denen Jakob Wassermann die verborgenen Dramen des Begehrens, der Entsagung und der moralischen Selbstprüfung ausleuchtet. Im Zentrum steht nicht das äußere Ereignis, sondern die psychologische Bewegung: ein Blick, ein Schweigen, eine versäumte Berührung können ganze Lebensläufe bestimmen. Wassermanns Stil verbindet erzählerische Klarheit mit analytischer Tiefenschärfe; er steht im Kontext des literarischen Fin de Siècle, der Novellentradition und eines Realismus, der gesellschaftliche Konventionen als seelische Mächte begreift. Jakob Wassermann, 1873 in Fürth geboren und später in Wien sowie Altaussee tätig, gehörte zu den bedeutenden deutschsprachigen Erzählern seiner Zeit. Seine jüdische Herkunft, seine Erfahrung sozialer Fremdheit und sein lebenslanges Interesse an Fragen von Schuld, Recht und menschlicher Würde prägen sein Werk. Auch in diesen Erzählungen erkennt man den Autor, der hinter individuellen Schicksalen größere kulturelle Spannungen sichtbar macht. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die kurze Prosa mit geistiger Dichte schätzen. Wer an psychologisch nuancierter Literatur interessiert ist, findet hier eine eindringliche Studie über unerfülltes Leben, innere Wahrheit und die Macht des Unausgesprochenen.
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