Der Weihnachtswunsch und andere Geschichten aus Dingsda versammelt Erzählungen, in denen ein absichtlich unbestimmter Ort zum Modellraum bürgerlicher und kindlicher Erfahrung wird. Schlaf verbindet weihnachtliche Erwartung, kleine Wunder, komische Missverständnisse und moralische Bewährungsproben mit einer genauen Beobachtung von Milieu, Redeweise und sozialer Geste. Der Stil ist schlicht, dialognah und zugleich kunstvoll verdichtet; hinter der scheinbaren Harmlosigkeit stehen die Verfahren des Naturalismus ebenso wie die um 1900 verbreitete Hinwendung zu Kindheit, Provinz und poetischer Alltagsminiatur. Johannes Schlaf (1862-1941) gehörte zu den prägenden Gestalten der deutschen Moderne. Gemeinsam mit Arno Holz entwickelte er in Papa Hamlet und Die Familie Selicke eine radikal wirklichkeitsnahe Erzähl- und Bühnentechnik. Seine Herkunft aus der mitteldeutschen Kleinstadt, seine Berliner Erfahrungen und sein späteres Interesse an seelischer Verfeinerung erklären, warum ihn unscheinbare Menschen, häusliche Rituale und die Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit besonders beschäftigten. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die Weihnachtsliteratur nicht bloß als Sentiment, sondern als präzise Kulturbeobachtung verstehen möchten. Es bietet warme, gelegentlich ironische, stets menschenkundige Prosa und erlaubt zugleich einen Zugang zu einem Autor, dessen Bedeutung über den literarischen Naturalismus hinausreicht.
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