Der Weiße Dominikaner, mit dem programmatischen Untertitel Aus dem Tagebuch eines Unsichtbaren, entfaltet eine Initiationsgeschichte zwischen Legende, Traum und metaphysischem Erfahrungsbericht. In der Gestalt Christoph Taubenschlags verdichtet Meyrink Familiengeheimnis, Schuld und Erlösungssehnsucht zu einer symbolischen Suche nach geistiger Wiedergeburt. Sein Stil verbindet expressionistische Bildkraft, okkulte Terminologie und ironisch gebrochene Erzählkunst; im Kontext der mitteleuropäischen Moderne erscheint der Roman als Gegenentwurf zum positivistischen Weltbild. Gustav Meyrink (1868-1932) war durch Prag, Bankiersberuf, persönliche Krisen und intensive Beschäftigung mit Theosophie, Yoga, Alchemie und christlicher Mystik geprägt. Nach dem Erfolg des Golem suchte er zunehmend nicht bloß das Unheimliche, sondern eine Lehre der inneren Verwandlung literarisch darzustellen. Seine Skepsis gegenüber bürgerlicher Rationalität und seine Erfahrung gesellschaftlicher Außenseiterschaft nähren die eigentümliche Autorität dieses Romans. Empfohlen sei Der Weiße Dominikaner Leserinnen und Lesern, die fantastische Literatur nicht als Flucht, sondern als Erkenntnisform begreifen. Das Buch verlangt Aufmerksamkeit für Symbole, Namen und verschobene Wirklichkeitsebenen, belohnt sie jedoch mit einer seltenen Verbindung von Spannung, geistiger Kühnheit und poetischer Strenge. Wer Meyrinks esoterische Prosa verstehen will, findet hier einen Schlüsseltext.
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