Walter Scotts "Die Chronik von Canongate" verbindet historische Erzählkunst mit einer kunstvollen Rahmenfiktion: Der alternde Chrystal Croftangry sammelt in Edinburghs Canongate Erinnerungen, Anekdoten und Schicksale, die Schottlands Übergang von clanbestimmter Tradition zur modernen Gesellschaft sichtbar machen. In Erzählungen wie "Die Hochlandwitwe" und "Die beiden Viehtreiber" verdichtet Scott lokale Farbe, moralische Ambivalenz und präzise Milieubeobachtung zu einem Spätwerk der Waverley-Tradition, dessen Stil zugleich elegisch, ironisch und dokumentarisch wirkt. Walter Scott, 1771 in Edinburgh geboren, war Jurist, Antiquar, Sammler alter Balladen und der maßgebliche Begründer des historischen Romans in Europa. Seine lebenslange Beschäftigung mit schottischer Geschichte, mündlicher Überlieferung und den politischen Folgen der Jakobitenzeit prägte auch dieses Buch. Nach finanziellen Krisen schrieb Scott mit neuer Dringlichkeit; die "Chronik" reflektiert daher nicht nur nationale Erinnerung, sondern auch Verlust, Schuld und die fragile Autorität des Erzählers. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die historische Literatur nicht als Kostümstück, sondern als Analyse kultureller Umbrüche verstehen. Scotts genaue Kenntnis von Landschaft, Recht, Volksbrauch und sozialer Spannung macht die "Chronik von Canongate" zu einer vielschichtigen Lektüre: gelehrt, erzählerisch reizvoll und bis heute aufschlussreich für das Verständnis Schottlands.
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