In "Die Frau Pfarrerin und andere Heimatgeschichten" begegnet Jeremias Gotthelfs erzählerische Kunst in ihrer charakteristischen Verbindung von dörflicher Anschaulichkeit, sittlicher Reflexion und sozialer Beobachtung. Die Geschichten führen in die bernische Lebenswelt des 19. Jahrhunderts, in Pfarrhäuser, Bauernstuben und Dorfgemeinden, wo Frömmigkeit, Arbeit, Standesbewusstsein und menschliche Schwäche aufeinandertreffen. Gotthelfs Stil ist kräftig, bildhaft und gelegentlich predigthaft; zugleich besitzt er eine realistische Genauigkeit, die ihn zwischen Biedermeier, Volkserzählung und frühem poetischen Realismus verortet. Jeremias Gotthelf, eigentlich Albert Bitzius, war nicht nur Schriftsteller, sondern auch reformierter Pfarrer im Emmental. Seine amtliche und seelsorgerische Tätigkeit brachte ihn in unmittelbare Berührung mit Armut, Erziehung, Ehekonflikten, Gemeindepolitik und den moralischen Spannungen des ländlichen Alltags. Gerade diese Erfahrung erklärt die besondere Autorität seiner Erzählstimme: Er schreibt weder von außen noch romantisierend, sondern aus genauer Kenntnis einer Gesellschaft, deren Tugenden und Verfehlungen er gleichermaßen ernst nimmt. Diese Sammlung empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die Heimatliteratur nicht als bloße Idylle, sondern als kritische, religiös grundierte Kulturdiagnose verstehen möchten. Gotthelfs Geschichten bieten historische Nähe, sprachliche Eigenart und ethische Schärfe. Wer die deutsche und schweizerische Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts vertiefen will, findet hier ein zugleich zugängliches und anspruchsvolles Zeugnis.
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