In "Die Frau von dreißig Jahren" untersucht Honoré de Balzac mit analytischer Schärfe die innere Geschichte Julie d'Aiglemonts, deren unglückliche Ehe, gesellschaftliche Bindungen und leidenschaftliche Enttäuschungen zu einem Panorama weiblicher Erfahrung im Frankreich der Restauration werden. Der Roman verbindet psychologische Beobachtung, melodramatische Spannung und sozialkritische Physiognomik; als Teil der "Comédie humaine" zeigt er, wie private Gefühle von Stand, Vermögen, Moral und Gesetz geformt und verzehrt werden. Balzac, 1799 in Tours geboren, war der große Kartograph der französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Seine juristische Ausbildung, seine Erfahrungen mit Schulden, Verlagsgeschäften und den Pariser Salons schärften seinen Blick für Macht, Ehrgeiz und soziale Masken. Gerade sein Interesse an Ehe, Erbrecht und bürgerlicher Konvention erklärt die eindringliche Darstellung einer Frau, deren Begehren und Leiden in einer männlich geordneten Welt kaum Sprache finden. Dieser Roman empfiehlt sich Lesern, die Balzacs Realismus nicht als bloße Milieuschilderung, sondern als moralische und psychologische Forschung verstehen möchten. "Die Frau von dreißig Jahren" ist ein Schlüsseltext über Geschlecht, Ehe und gesellschaftliche Erwartung: historisch präzise, erzählerisch wechselhaft, bisweilen grausam, doch von bleibender Erkenntniskraft.
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