In Die Legende vom heiligen Trinker und andere Erzählungen verdichtet Joseph Roth die Erfahrung von Schuld, Gnade, Heimatverlust und metaphysischer Sehnsucht zu einer Prosa von seltener Klarheit. Die Titelgeschichte, im Paris der Zwischenkriegszeit angesiedelt, erzählt vom obdachlosen Andreas Kartak, dem ein unerwartetes Geschenk die Möglichkeit moralischer Wiederherstellung eröffnet. Roths Stil verbindet nüchterne Beobachtung mit märchenhafter Transzendenz; seine Erzählkunst steht zwischen journalistischer Präzision, katholisch grundierter Symbolik und der melancholischen Moderne des untergehenden Europa. Joseph Roth, 1894 in Galizien geboren und 1939 im Pariser Exil gestorben, war Chronist der zerfallenden Habsburgermonarchie und der entwurzelten Menschen des 20. Jahrhunderts. Seine eigene Biographie, geprägt von Migration, politischer Desillusionierung, Armut, Alkohol und Exilerfahrung, spiegelt sich in Figuren, die nach Ordnung, Würde und Erlösung suchen. Gerade die späten Erzählungen wirken wie literarische Selbstbefragungen eines Autors, der im Verlust noch eine Form der Gnade erkundet. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die kurze Prosa von großer gedanklicher Tiefe schätzen. Roths Erzählungen sind historisch präzise, existenziell bewegend und stilistisch meisterhaft; sie öffnen einen Zugang zu einer europäischen Welt im Verschwinden und zu zeitlosen Fragen nach Barmherzigkeit, Versprechen und menschlicher Zerbrechlichkeit.
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