In "Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie" entwirft Wilhelm Bölsche ein programmatisches Manifest der literarischen Moderne, das Dichtung nicht als Gegensatz zur Wissenschaft, sondern als deren schöpferische Fortsetzung begreift. Im Kontext des Naturalismus verbindet er darwinistische, physiologische und psychologische Denkmodelle mit poetologischen Fragen: Der Dichter soll beobachten, vergleichen und gestalten, ohne die Gesetzmäßigkeit von Natur und Gesellschaft zu verleugnen. Der Stil ist essayistisch, argumentativ zugespitzt und von dem Vertrauen getragen, dass exakte Erkenntnis die poetische Einbildungskraft nicht mindert, sondern vertieft. Wilhelm Bölsche, 1861 geboren, gehörte zu den prägenden Vermittlern naturwissenschaftlichen Denkens im deutschen Sprachraum. Als Schriftsteller, Publizist und späterer Popularisator biologischer und kosmologischer Themen stand er dem Friedrichshagener Kreis und den Debatten des literarischen Naturalismus nahe. Seine Auseinandersetzung mit Darwinismus, Monismus und zeitgenössischer Wissenschaft erklärt den Impuls dieses Buches: Kunst sollte für ihn die Welt nicht verklären, sondern aus ihren realen Bedingungen heraus begreifen. Empfohlen sei dieses Werk allen Leserinnen und Lesern, die die theoretischen Grundlagen des Naturalismus, die Verbindung von Wissenschaft und Literatur sowie die geistige Atmosphäre des späten 19. Jahrhunderts verstehen möchten. Es ist ein Schlüsseltext für die Frage, wie moderne Poesie aus Erkenntnis, Beobachtung und Weltanschauung entsteht.
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