Die Spielhölle in Baden-Baden entfaltet ein scharf beobachtetes Panorama des mondänen Kurorts, in dem Heilversprechen, Aristokratie, Tourismus und das organisierte Glücksspiel ineinandergreifen. Edmond About verbindet reportagehafte Genauigkeit mit satirischer Zuspitzung: Die Spielbank erscheint nicht nur als Schauplatz individueller Verführung, sondern als gesellschaftliche Maschine, die Hoffnung, Eitelkeit und ökonomische Abhängigkeit verwertet. Im Kontext der französischen Prosa des Zweiten Kaiserreichs steht der Text zwischen Feuilleton, Sittenbild und moralischer Analyse. About, 1828 in Dieuze geboren und an der École normale supérieure ausgebildet, war Journalist, Romancier und streitbarer Beobachter Europas. Seine Reisen, seine Nähe zum liberalen Bürgertum und seine antiklerikale, rationalistische Grundhaltung schärften seinen Blick für Institutionen, die sich hinter Glanz und Konvention verbergen. Baden-Baden bot ihm ein ideales Labor: eine internationale Bühne, auf der Geld, Status und moderne Nervosität sichtbar wurden. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die Literatur als Instrument historischer Erkenntnis schätzen. Es bietet keine bloße Anekdotensammlung über Roulette und Verlust, sondern eine präzise Studie der Begierden, Rituale und Selbsttäuschungen einer Epoche. Wer Balzacs Gesellschaftsdiagnosen, Heines Reiseprosa oder die Kulturgeschichte des europäischen Kurlebens kennt, wird Abouts hellsichtige Ironie mit besonderem Gewinn lesen.
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