Robert Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß entfaltet in der scheinbar abgeschlossenen Welt eines k.u.k. Internats die geistige und moralische Krise eines Heranwachsenden. Die Geschichte um Törleß, Basini, Beineberg und Reiting verbindet psychologische Präzision mit einer kühlen, analytischen Prosa, die bereits zentrale Motive der literarischen Moderne vorwegnimmt: die Brüchigkeit rationaler Ordnungen, die Verführbarkeit durch Macht und die dunklen Zonen des Begehrens. Der Roman steht im Kontext der Jahrhundertwende und untersucht die Voraussetzungen jener Gewalt, die hinter bürgerlicher Disziplin verborgen liegt. Robert Musil, 1880 in Klagenfurt geboren, kannte militärische Erziehungsanstalten aus eigener Erfahrung und verband diese Prägung mit mathematisch-naturwissenschaftlicher Schulung, philosophischem Interesse und scharfer Beobachtung sozialer Mechanismen. Gerade diese Verbindung aus autobiographischer Nähe und intellektueller Distanz ermöglichte ihm, das Internat nicht bloß als Schauplatz jugendlicher Grausamkeit, sondern als Modell einer Gesellschaft im Zustand innerer Instabilität zu gestalten. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die einen Entwicklungsroman ohne versöhnliche Vereinfachung suchen. Musils Debüt ist anspruchsvoll, verstörend und von bleibender Aktualität, weil es zeigt, wie Erkenntnis, Schuld und Gleichgültigkeit ineinandergreifen.
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