In Eros und die Evangelien entfaltet Waldemar Bonsels eine essayistisch-meditative Deutung des Christentums, in der die erotische Grundkraft nicht als Gegensatz, sondern als verborgene Voraussetzung evangelischer Liebe erscheint. Das Buch verbindet religiöse Reflexion, kulturkritische Diagnose und poetische Prosa; es steht damit im Umfeld jener lebensphilosophischen und neuromantischen Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts, die Dogma, Körperlichkeit und Geist neu aufeinander beziehen wollten. Bonsels liest die Evangelien weniger philologisch als existenziell: als Zeugnisse einer verwandelnden, schöpferischen Liebesmacht. Bonsels, 1880 in Ahrensburg geboren und vor allem durch Die Biene Maja berühmt geworden, war weit mehr als ein Erzähler für Kinder. Reisen, insbesondere nach Indien, naturmystische Erfahrungen und seine Distanz zu kirchlicher Orthodoxie prägten sein Denken. In seinen Prosawerken sucht er immer wieder nach einer unmittelbaren Religion des Lebens; aus dieser Suche erklärt sich die Kühnheit, Eros, Evangelium und seelische Erneuerung zusammenzudenken. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die theologische Fragen nicht nur dogmatisch, sondern anthropologisch, ästhetisch und spirituell verfolgen möchten. Wer bereit ist, Bonsels' bisweilen pathetischer Sprache als historischer Denkform zu begegnen, entdeckt eine anregende, streitbare Schrift über Liebe, Inkarnation und die religiöse Würde des menschlichen Begehrens.
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