Rainer Maria Rilkes Erste Gedichte versammeln die tastenden, doch bereits unverwechselbaren Anfänge einer lyrischen Stimme, die zwischen Nachromantik, Symbolismus und fin-de-sièclehafter Innerlichkeit steht. In liedhaften Formen, zarten Naturbildern und religiös grundierten Stimmungen erprobt Rilke jene Musikalität, Bildgenauigkeit und seelische Konzentration, die später seine großen Gedichtzyklen prägen werden. Der Band ist weniger bloßes Frühwerk als poetisches Labor: Er zeigt, wie aus konventionellen Motiven eine neue Sensibilität entsteht. Rilke, 1875 in Prag geboren, wuchs in der spannungsreichen deutschen Kultur Böhmens auf und erfuhr früh Entwurzelung, Bildungsdruck und die Suche nach geistiger Zugehörigkeit. Diese biographischen Voraussetzungen, ergänzt durch seine literarische Bildung, seine Empfänglichkeit für Kunst, Religion und Einsamkeit sowie die Atmosphäre der Jahrhundertwende, erklären die Dringlichkeit dieser Gedichte. Sie sprechen von Jugend, Sehnsucht und Selbstformung, noch bevor Reisen, Rodin und die Pariser Erfahrung seinen Stil radikal verdichteten. Empfohlen sei dieses Buch allen, die Rilkes Entwicklung verstehen möchten: nicht nur als Vorstufe, sondern als eigenständiges Dokument lyrischer Selbstfindung. Es bietet einen stillen, klangvollen Zugang zu einem Dichter, dessen spätere Meisterschaft hier bereits ahnbar wird.
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