Rabindranath Tagores Gora ist ein großer Gesellschafts- und Ideenroman des kolonialen Bengal, in dem persönliche Identität, religiöse Zugehörigkeit und politisches Erwachen untrennbar miteinander verschränkt sind. Im Zentrum steht der orthodox erzogene Gora, dessen leidenschaftlicher Hindu-Nationalismus durch Begegnungen mit dem Brahmo-Samaj, mit weiblicher Selbstbestimmung und schließlich durch die Enthüllung seiner Herkunft radikal erschüttert wird. Tagores Stil verbindet realistische Milieuschilderung mit ausgedehnten philosophischen Dialogen und stellt den Roman in den Kontext der bengalischen Renaissance sowie der frühen Debatten über Nation, Kaste und Moderne. Tagore, 1861 in eine einflussreiche bengalische Reformfamilie geboren, war Dichter, Denker, Pädagoge und später Nobelpreisträger. Seine Nähe zum Brahmo-Samaj, seine Kritik an sozialer Erstarrung und seine ambivalente Haltung gegenüber nationalistischen Bewegungen prägen Gora deutlich. Das Buch wirkt wie eine literarische Auseinandersetzung mit Fragen, die Tagore persönlich beschäftigten: Wie kann Indien frei werden, ohne sich in Ausschluss, Dogma oder religiöser Enge zu verlieren? Gora empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die einen anspruchsvollen Roman suchen, der historische Tiefe mit psychologischer Entwicklung verbindet. Wer sich für Kolonialgeschichte, Religionskritik, indische Moderne oder die ethischen Grenzen des Nationalismus interessiert, findet hier ein ebenso bewegendes wie intellektuell reiches Werk.
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