Henriette oder die schöne Sängerin entfaltet die Geschichte einer begabten Künstlerin im Spannungsfeld von öffentlichem Ruhm, privater Empfindung und gesellschaftlicher Erwartung. Rellstab verbindet die melodramatische Anlage des frühen 19. Jahrhunderts mit genauer Beobachtung des Musiklebens: Bühne, Salon und bürgerliche Moral bilden den Resonanzraum einer Erzählung, in der Gesang nicht bloß Schmuck, sondern Ausdruck innerer Wahrheit ist. Stilistisch zeigt sich die Prosa empfindsam, rhetorisch geschult und zugleich vom romantischen Interesse an Kunst, Gefühl und Schicksal geprägt. Ludwig Rellstab, Berliner Schriftsteller, Kritiker und Kenner der zeitgenössischen Musikkultur, war für ein solches Thema besonders disponiert. Als einflussreicher Musikrezensent und literarischer Vermittler bewegte er sich nahe an Oper, Konzertwesen und Künstlerbiographien seiner Zeit. Seine Erfahrungen mit Virtuosentum, Publikumsgeschmack und der sozialen Stellung von Sängerinnen dürften die Gestaltung Henriettes wesentlich genährt haben. Auch Rellstabs Gespür für die Verbindung von Musik und Erzählform tritt hier deutlich hervor. Empfohlen sei das Buch Lesern, die sich für romantische Künstlerdarstellungen, Kulturgeschichte des Theaters und die literarische Inszenierung weiblicher Stimme interessieren. Es bietet nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein aufschlussreiches Dokument über Kunstideal, Geschlechterordnung und Öffentlichkeit im Vormärz.
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