Junge Triebe entfaltet, dem programmatischen Titel entsprechend, ein feines Panorama jugendlicher Unruhe, erwachender Wünsche und sozialer Formung. Ernst W. Freissler gestaltet diese Bewegungen nicht als bloße Sentimentalität, sondern als literarische Untersuchung jener Kräfte, die Menschen an der Schwelle zum Erwachsenenleben antreiben, beugen oder gefährden. Der Stil wirkt beobachtend, psychologisch aufmerksam und zugleich dem realistischen Erzählen verpflichtet; im Kontext der deutschsprachigen Literatur der frühen Moderne steht das Buch nahe bei jenen Werken, die Individualentwicklung, Milieu und moralische Selbstprüfung eng miteinander verschränken. Freissler, als Schriftsteller und literarischer Vermittler mit Sinn für gesellschaftliche Spannungen, dürfte in Junge Triebe Erfahrungen einer Epoche verarbeitet haben, in der traditionelle Ordnungen und neue Lebensentwürfe sichtbar aufeinanderprallten. Sein Blick auf Jugend ist daher weder idealisierend noch verächtlich: Er interessiert sich für Übergänge, für verletzliche Anfänge und für die Frage, wie Charakter unter dem Druck von Herkunft, Erwartung und Begehren entsteht. Empfohlen sei dieses Buch Leserinnen und Lesern, die Entwicklungsprosa nicht als einfache Reifungsgeschichte, sondern als kultur- und seelengeschichtliches Dokument verstehen möchten. Junge Triebe belohnt geduldige Lektüre durch Genauigkeit, Atmosphäre und eine stille, nachwirkende Einsicht in die Ambivalenz des Werdens.
AmazonPagina's: 156, Paperback, Sharp Ink
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