Münchhausen und Clarissa (Ein Berliner Roman) verbindet die Tradition der phantastischen Lügengeschichte mit der nervösen Topographie der modernen Großstadt. Scheerbart lässt den berühmten Namen Münchhausen nicht bloß als komische Reminiszenz auftreten, sondern als Prinzip poetischer Übertreibung: Berlin erscheint als Bühne widersprüchlicher Wünsche, technischer Verheißungen und gesellschaftlicher Maskenspiele. In knapper, pointierter Prosa, voll Ironie, Abschweifung und grotesker Bildlichkeit, steht der Roman zwischen wilhelminischer Satire, Frühmoderne und jener phantastischen Literatur, die später expressionistische Wahrnehmungsformen vorbereitete. Paul Scheerbart (1863-1915) war ein Berliner Schriftsteller, Zeichner und Visionär, dessen Werk sich beharrlich den Grenzen des realistischen Erzählens entzog. Seine Faszination für Astronomie, Architektur, technische Utopien und alternative Lebensformen prägte auch seine Romankunst. Die Erfahrung der Metropole, der literarischen Bohème und einer Zeit rasanter Modernisierung lieferte ihm den Stoff, um Wirklichkeit als veränderbar, komisch und zugleich philosophisch beunruhigend darzustellen. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die nicht nur eine Handlung, sondern eine ästhetische Versuchsanordnung suchen. Wer Sinn für gelehrte Komik, urbane Phantastik und die leise Subversion bürgerlicher Gewissheiten besitzt, wird in Münchhausen und Clarissa ein eigenwilliges, funkelndes Dokument der deutschen Moderne entdecken.
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