Paul & Virginie, erstmals 1788 als Teil der Études de la nature erschienen, erzählt die tragische Geschichte zweier auf Mauritius aufwachsender Kinder, deren natürliche Unschuld an gesellschaftlicher Standesordnung, kolonialer Ökonomie und religiös-moralischen Erwartungen zerbricht. In einer empfindsamen, zugleich präromantischen Prosa verbindet Bernardin de Saint-Pierre idyllische Naturbeschreibung, moralphilosophische Reflexion und melodramatische Erzählkunst. Das Werk steht zwischen Aufklärung, Rousseauismus und beginnender Romantik und macht die tropische Landschaft zum Spiegel seelischer Reinheit wie historischer Gewalt. Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre, 1737 in Le Havre geboren, war Ingenieur, Reisender und Schüler Rousseaus. Seine Aufenthalte im Indischen Ozean und seine Beobachtungen kolonialer Gesellschaften prägten seine Vorstellung einer tugendhaften Naturordnung, die durch europäische Habgier und künstliche Hierarchien korrumpiert werde. Paul & Virginie entspringt daher nicht bloß exotistischer Faszination, sondern einem ethischen Programm: der Kritik an Zivilisation, Besitzdenken und sozialer Entfremdung. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die eine kurze, intensive Erzählung von großer kulturgeschichtlicher Wirkung suchen. Es bietet sentimentale Ergriffenheit, poetische Landschaftskunst und ein aufschlussreiches Dokument europäischer Natur- und Kolonialvorstellungen des 18. Jahrhunderts. Gerade seine Spannung zwischen Idylle und Katastrophe macht es bis heute lesenswert.
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