Platons "Protagoras" gehört zu den kunstvollsten sokratischen Dialogen der frühen bis mittleren Schaffensphase. In der Begegnung zwischen Sokrates und dem berühmten Sophisten Protagoras entfaltet sich die Frage, ob Tugend lehrbar sei und ob ihre einzelnen Formen-Gerechtigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit, Frömmigkeit und Weisheit-eine Einheit bilden. Der Dialog verbindet dramatische Lebendigkeit, ironische Charakterzeichnung und begriffliche Strenge; zugleich eröffnet er einen zentralen literarischen Kontext der attischen Aufklärung, in dem sophistische Bildungsideale und sokratische Prüfungskunst aufeinandertreffen. Platon, Schüler des Sokrates und Begründer der Akademie, schrieb aus der Erfahrung einer politisch und geistig erschütterten Polis heraus. Die Hinrichtung des Sokrates, die Krise demokratischer Rhetorik und die Konkurrenz professioneller Weisheitslehrer prägten sein philosophisches Projekt. Im "Protagoras" verarbeitet er diese Spannungen, indem er die Attraktivität sophistischer Paideia ernst nimmt, sie aber zugleich an den Maßstäben rationaler Rechenschaft und ethischer Wahrheit misst. Dieses Buch empfiehlt sich allen Leserinnen und Lesern, die den Ursprung europäischer Ethik, Bildungstheorie und Argumentationskunst verstehen wollen. Es bietet keinen bloßen historischen Streit, sondern eine bis heute herausfordernde Untersuchung darüber, was moralisches Wissen bedeutet und wie ein gutes Leben gelehrt, geprüft und verantwortet werden kann.
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