Tante Lisbeth, 1846 als Teil der Scènes de la vie parisienne innerhalb der Comédie humaine erschienen, entfaltet ein schonungsloses Panorama der Pariser Gesellschaft der Julimonarchie. Im Zentrum steht die verbitterte Verwandte Lisbeth Fischer, deren gekränkter Stolz und soziale Zurücksetzung sie zur heimlichen Regisseurin eines familiären Zerfalls machen. Balzac verbindet psychologische Präzision mit dichter sozialer Beobachtung: Ehebruch, Spekulation, Kunstmarkt, Bürokratie und weibliche Abhängigkeit erscheinen als ineinandergreifende Kräfte eines moralisch korrodierten Milieus. Honoré de Balzac, selbst unermüdlicher Chronist von Geld, Ehrgeiz und Standesillusionen, schrieb diesen Roman aus einer Erfahrung heraus, die literarische Beobachtung und persönliche Verstrickung vereinte. Seine Schulden, sein Umgang mit Verlegern, Künstlern und Aristokraten sowie seine fast soziologische Neugier auf die Mechanismen moderner Macht prägen die Figuren. Lisbeths Ressentiment und Baron Hulots Ausschweifungen sind daher keine bloßen Einzelfälle, sondern Symptome einer Epoche. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die den realistischen Roman in seiner analytischen Schärfe kennenlernen wollen. Tante Lisbeth ist zugleich Familiendrama, Gesellschaftsstudie und moralische Anatomie; es zeigt Balzac auf der Höhe seiner Kunst und bleibt verstörend aktuell in seiner Darstellung von Begehren, Neid und sozialer Abhängigkeit.
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